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Auszug aus dem Roman 'Rote Tinte'


Donnerstag 21. Mai 1981

HOCHZEITSNACHT

Shirin fühlte sich unwohl, wenngleich sie jemanden heiraten wollte, den sie sehr liebte; und obwohl sie wegen ihrer Hochzeit eher in große Euphorie schwelgen sollte, die allerdings eher bei den Familienmitgliedern, nahen Verwandten und Shirins Freundinnen im vollen Gange war, fühlte sie sich zittrig, eine innere Furcht vor einer Verpflichtung vielleicht, der Gründung einer Familie nicht gewachsen zu sein.

Sie war eine schüchterne Frau bedingt durch ihre Geschichte und ihre Erlebnisse, die sie auf Schritt und Tritt begleiteten.
Ihr rechtes Auge versteckte sich hinter ihren dunkelblond geflochtenen Haarsträhnen, die durch die rote Abendsonne einer rosafarbenen Schleier gleich war. Die Sonne bekundete hinter der Ziegelmauer noch ihre Anwesenheit und machte die entlang der Mauer hängende Lichterkette noch große Konkurrenz.

Die Sonnenstrahlen drängten zwischen einige abgenutzten Ziegel hindurch; sie drängten durch die Blätter und Äste des großen Orangenbaumes und des Kirschbaumes im Hof und warfen Lichtflecke auf den Steinplatten des Hofes. Die Strahlen vermittelten gleichwohl eine Sanftheit, die die Gäste wohl und heiter stimmte.
Die Kinder verteilten sich, wenn auch nicht für jedes Kind vorhanden, auf die Lichtflecke, die ab und zu ihre Intensität verloren, indem die Äste und die Blätter sich in den Wind legten und hin und her klatschten und damit das Licht unterbrachen.

Die Kinder spielten Verstecken und machten einen reibungslosen Durchgang der Gäste in den Hof unmöglich, da sie unweigerlich zwischen den Kindern, den Tischen und den Stühlen manövrieren mussten.
Es herrschte eine rege Stimmung im Hof. Die Hochzeitsgäste schienen ihre Schwierigkeiten zu haben, zueinander Anschluss zu finden, das manche allerdings nicht unbedingt störte. Da die Gastgeber selber mit ständigen Vorbereitungen noch beschäftigt waren, kam es einigen nicht ungelegen, in ihrer eigenen Ecke zu verweilen und sich nach Lust und Laune zu beschäftigen.

Mit einem zögernden unangenehmen Blick aus dem Winkel des linken grünen Auges von Shirin musterte sie heimlich die Gäste, indes sie sich stets beobachtet fühlte. Mit einem weichen Lächeln senkte sie ihren Blick gen Boden um ihre Verlegenheit gegenüber den Beobachtern zu verbergen.



WINDGESPRÄCHE

Sprich!
Mit Wind
in ihm verbirgt sich
dein gesuchtes Wort viel-
leicht vergisst dann
dein Verstummen die Buchstaben festzuhalten




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